Verstärkende Ausdrücke gehören unzweifelhaft nicht in juristische Texte – oder doch?

„Kraftausdrücke gehören nicht in Klausuren und Hausarbeiten“ ist einer der Sätze eines AG-Leiters, der mir noch heute in den Ohren klingt. Gemeint waren selbstverständlich nicht Vulgärausdrücke, sondern Wörter wie „selbstverständlich“, „offensichtlich“ oder „unzweifelhaft“, die eine Aussage bekräftigen oder verstärken sollen („Unzweifelhaft wurde E Eigentümer des Fahrzeugs“). Die Adverbien tauchen oft da auf, wo der Leser eine Begründung erwartet, können eine solche aber nicht ersetzen. Dies birgt die Gefahr, dass der Leser den Eindruck gewinnt, die Behauptung des Verfassers sei keineswegs unzweifelhaft richtig, sondern eher unrichtig. Als Faustregel gilt daher: Was wirklich selbstverständlich ist, bedarf keiner Bekräftigung; was nicht unzweifelhaft ist, wird dies auch nicht durch die Verwendung eines verstärkenden Adverbs – hier bedarf es einer Begründung.

Doch schadet der Verstoß gegen die Faustregel? In Klausuren und Hausarbeiten sicherlich dann, wenn das verstärkende Adverb dazu dient, eine fehlende Begründung zu verdecken.  Und in der Praxis? Eben diese Frage ist Gegenstand des Aufsatzes

Clearly, Using Intensifiers is Very Bad-Or is it?

von Lance N. Long und William F. Christensen in der Idaho Law Review (45 Idaho L.Rev. 2008, online unter http://works.bepress.com/lance_long/1/). Die Verfasser (L. Long ist Rechtsanwalt und Visiting Legal Research and Writing Professor der University of Oregon School of Law; W. Christensen Associate Professor of Statistics an der Brigham Young University) haben zwei empirische Studien zu den Auswirkungen des häufigen Gebrauchs solcher Wörter wie „totally“, „absolutely“, „undoubtly“, „clearly“, „obviously“ oder „very“ in Schriftsätzen der Berufungsinstanz sowohl vor Gerichten des Bundes wie auch der Bundesstaaten auf den Ausgang des Verfahrens durchgeführt. Die Ausgangslage ist dabei durchaus vergleichbar mit der hiesigen:

[S]cholars have generally found that overusing intensifiers […] negatively affects the persuasiveness or credibility of a legal argument …

Die statistischen Ergebnisse der Studie deuten trotz neuerer linguistischer und psychologischer Untersuchungen, die die Richtigkeit der These in ihrer Absolutheit bezweifeln, darauf hin, dass der übermäßige Gebrauch bekräftigender Ausdrücke negative Auswirkungen auf den Ausgang des Verfahrens hat.  Jedenfalls konnten die Autoren nachweisen, dass die Wahrscheinlichkeit, das Verfahren als Berufungskläger zu verlieren, steigt, wenn überdurchschnittlich viele dieser Adverbien in Schriftsätzen verwendet wurden. Dies war in den untersuchten 400 Berufungsverfahren nur dann anders, wenn auch das Gericht in seinem Urteil zu einem übermäßigen Gebrauch verstärkender Begriffe neigte. Demgegenüber bliebt die sog. „intensifier rate“, d.h. die Zahl der verwendeten Verstärkungswörter pro Seite, auf Seiten des Berufungsbeklagten ohne nennenswerte Auswirkungen.

Die Studie zeigt natürlich nur eine Korrelation zwischen dem Gebrauch verstärkender Adverbien und dem Verfahrensausgang, jedoch keine Kausalität. Zu berücksichtigen ist insbesondere, dass die Erfolgsaussichten von vornherein nicht allein und nicht einmal überwiegend davon abhängig sind, wie Berufungsschriftsätze verfasst sind.  Dies gilt in Deutschland noch weitaus mehr als in den USA, wo die formellen Anforderungen an Schriftsätze weitaus höher sind. Zu bedenken ist ferner, dass Berufungskläger möglicherweise besonders dann zum intensiven Gebrauch verstärkender Adverbien neigen, wenn sie sich der schlechten Erfolgsaussichten bewusst sind. Gleichwohl zeigt die Studie, dass ein sorgfältiges Abfassen von Schriftsätzen, in denen rechtlich argumentiert wird, möglicherweise Auswirkungen auf den Ausgang des Verfahrens hat:

Altough it is far from clear, our study suggests that intensifiers should be used with care in appellate briefs.

Ob dies auch für Berufungsverfahren vor deutschen Gerichten gilt, wäre einer Untersuchung wert.  Letztlich aber deutet die Studie an, dass die eingangs erwähnte Weisheit nicht nur für das Jurastudium, sondern auch für die juristische Praxis Geltung beanspruchen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s