Das Schweigen der Jurastudenten

Eine hier vor ein paar Jahren durchgeführte Umfrage unter Jurastudenten hat ergeben, dass die weit überwiegende Mehrheit Vorlesungen im Stil eines Frontalunterrichts ohne Beteiligung der Zuhörer bevorzugt. Das ist verständlich, weil der 90-minütige Monolog des Professors den Studenten Gelegenheit gibt, E-Mails zu schreiben, SMS zu verschicken, die Zeitung zu lesen, mit dem Nachbarn die Erlebnisse des Wochenendes zu besprechen, Youtube auf neue lustige Filme zu kontrollieren, Blogs zu lesen oder ein wenig Schlaf nachzuholen. Unbeliebt sind daher vielfach solche Professoren, die nicht nur die Chuzpe haben, Fragen zu stellen, sondern sich auch nicht schämen, Zuhörer zu einer Antwort aufzufordern, die sich gar nicht gemeldet haben. Das kann zu dramatischen Szenen führen. In meiner Studienzeit war ich während einer BGB-Vorlesung  Zeuge eines Wortgefechts zwischen einem Professor und einem Studenten, der auf die gestellte Frage partout nicht antworten wollte und dies auch freimütig bekannte. Nachdem auf die Aufforderung des Professors „Sie antworten jetzt auf die Frage, oder ich gehe. Sie oder ich!“ nur ein verneinendes Kopfschütteln zu vernehmen war, war die Vorlesung nach etwa der Hälfte der Zeit zu Ende.

Die passive Haltung in Vorlesungen kommt zwar manchem zum Monolog neigenden Professor entgegen, doch ganz überwiegend wird eine aktive Mitarbeit gewünscht. Vor allem aber ist die Beteiligung an der Vorlesung für die Studenten wichtig und leistungsfördernd. Die Gründe, die für eine Mitarbeit in Vorlesungen sprechen, hat Robert M. Lloyd, Professor am University of Tennessee College of Law in dem kurzen, aber wirklich sehr lesenswerten Essay

Why Every Law Student Should Be a Gunner

im Arizona State Law Journal (40 Ariz. St. L.J. 1343 [2008], Online-Fassung) zusammengetragen. Die vorangestellte Einschätzung über die Verhältnisse in juristischen Vorlesungen trifft nach meinem Dafürhalten ebenso wie die nachfolgend genannten Gründe auch für die deutschen Universitäten zu:

In most law schools, students have created a social system that discourages volunteering in class. The stupid, the lazy, and the timid have joined together to undermine the very thing that makes law school special. Here are six reasons you should fight back.

Dafür gibt es sechs Gründe:

Volunteering in Class Will Make You A Pariah Among Your Classmates

You’ll Learn the Material Better

You’ll Help Your Classmates Learn

It’s Fun

It’s Good Practice For What You’ll Be Doing As A Lawyer

It Will Get You A Job

Schadensersatz für Spenderniere wegen Ehescheidung?

Das Scheidungsdrama zwischen dem Gefäßchirurg Dr. Richard Batista und seiner Ehefrau Dawnell aus dem US-Bundesstaat New York erreichte im Januar dieses Jahres auch die deutschsprachige Presse. So berichtete etwa die Bild-Zeitung unter der Schlagzeile

Ehemann verlangt 1,5 Millionen für gespendete Niere
Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen…

über den Fall. Herr Batista hatte seiner Ehefrau 2001 eine Niere gespendet, doch 2005 reichte diese die Scheidung ein.  Im Rahmen der Auseinandersetzung der Ehe verlangt der Ehemann Rückgabe der Niere bzw. 1,5 Million US-Dollar Schadensersatz. Er beantragte deshalb Anfang dieses Jahres eine Verfahrensunterbrechung und die Bestellung eines Sachverständigen, um den  geltend gemachte Wert des Organs unter Beweis zu stellen. Erfolglos, wie The National Law Journal berichtet. Jeffrey Grob, der mit der Sache beauftrage Anhörungsrichter am Supreme Court des Staats New York im Nassau County (trotz des Namens in diesem Bundesstaat nur die Eingangsinstanz), wies den Antrag zurück.

Zwar gebe es Präzedenzfälle, denen zufolge Geschenke, die während der Ehe gemacht wurden, in den vermögensrechtlichen Ausgleich einzubeziehen sind. Die Anwendung dieser Regel auf die Spende eines Organs verstoße jedoch gegen die öffentliche Ordnung. Denn ein New Yorker Gesetz (§ 4307 Public Health Law) verbiete Verkauf, Erwerb sowie jede andere Form der Übertragung eines menschlichen Organs gegen Entgelt.

Thus, the defendant’s effort to pursue und extract „monetary compensation therefor“ […] not only runs afoul of statutory proscription, but, conceivably, may expose the defendant to criminal prosecution thereunder.

Doch noch muss der Organspender den Mut nicht sinken lassen. Zwar wurde sein Antrag auf Bestellung eines Sachverständigen ebenfalls zurückgewiesen (überwiegend aus Verspätungsgründen). Damit sei ihm zwar die Möglichkeit genommen, den Marktwert der gespendeten Niere unter Beweis zu stellen. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die vom Ehemann erbrachten Opfer, seine Großzügigkeit und seine Hingabe nicht relevant seien.

That the defendant may not proffer the economic proof he seeks to adduce, however, does not suggest that the sacrifices, magnanimity and devotion, which arguably and logically attend, are beyond the pale or lack relevancy …

Immaterieller Schadensersatz scheint danach nicht ausgeschlossen. Ob die Zwischenentscheidung allerdings gleich einen „complete victory“ darstellt, wie der Rechtsanwalt des Ehemanns lt. The National Law Journal kundzutun nicht unterließ, mag dahinstehen.

Im deutschen Recht wäre wohl an ehebedingte Zuwendungen zu denken, sofern man einer gespendeten Niere Vermögenswert zurechnen will. Das dürfte freilich mit Blick auf § 17 Abs. 1 S. 1 TPG problematisch sein:

Es ist verboten, mit Organen oder Geweben, die einer Heilbehandlung eines anderen zu dienen bestimmt sind, Handel zu treiben.

Eigentlich ein prüfungsgeeigneter Fall…

Nachtrag zu den verstärkenden Ausdrücken

Kleiner Nachtrag zu „Verstärkende Ausdrücke gehören unzweifelhaft nicht in juristische Texte – oder doch?

Quelle: Courtoons.

Klage auf Anerkennung der Unabhängigkeit der Vampyre Nation

Unabhängigkeitsbestrebungen gibt es überall auf der Welt und die Frage, ob das Selbstbestimmungsrecht der Völker eine Sezession zulässt, ist unter Völkerrechtlern umstritten. Hierzu wird nunmehr auch der U.S. District Court – District of Minnesota Stellung nehmen können.

Am 20. Februar hat der Jonathon Sharkey in seiner Eigenschaft als König der Vampyre Nation einen „Complaint for Sovereignty“ gegen die USA eingereicht, wie das Blog Above the Law berichtet. Die ebenfalls dort zu findende 11-seitige Klageschrift liest sich flott weg. Der Kläger, eigenem Bekunden nach ein „Sanguarian Vampire“ (bluttrinkender Vampir) und „Hekate Witch“ (Hexe der Hekate) hat in seiner Eigenschaft als König der Vampyre Nation schon am 18.  August 2008 in einem Schreiben an den damaligen Präsident George W. Bush die Unabhängigkeitserklärung der Vampyre Nation zusammen mit deren Verfassung übersandt. Die Vampyre Nation (VN) verfügt bereits über einen ansehnlichen Hofstaat, u.a. eine Premierministerin, eine Botschafterin, eine Justizministerin und eine UN-Botschafterin. An der Seite des Königs thront seine Ehefrau, Königin Amaya, deren Zukunft lt. Klageschrift allerdings nicht besonders rosig ist:

[…] Queen Amaya – Jonathon’s wife who unfortunately has committed several crimes against the VN (High Treason, Treason, Murder of a member of the Royal Family…,  as well as violated several of the Vampyre laws and is scheduled to be tried shortly for her crimes. Upon being found guilty, she will be executed in accordance to Vampyre Law).

Aufschlussreich ist die Liste der Präzedenzfälle. Verwiesen wird auf die Unabhängigkeitserklärung der USA, die Anerkennung des Kosovo als selbständiger Staat, die Unabhängigkeitserklärung Abchasiens von Georgien und die Indianer, denen die USA eigenes Land und eine eigene Regierung zugestanden hätten.

Der Kläger wirft den USA eine Verletzung der Menschen- bzw. Bürgerrechte vor. Denn schon seit 1692, als Massachusetts noch eine Kolonie war, seien jene, die Hexerei betrieben, dauerhaft angegriffen und in Furcht versetzt worden. Als Beispiel verweist der Kläger auf einen Zwischenfall im August 2007, als ihm vorgeworfen worden sei, eine Frau belästigt zu haben. Dabei habe die Strafverfolgungsbehörde nicht berücksichtigt, dass es sich bei dem angeblichen Opfer um eine Vampirjägerin gehandelt habe. Als einer der bekanntesten und berühmtesten Vampire sei der Kläger schon mehrfach von Vampirjägern angegriffen worden. Ein weiteres Beispiel bilde die fristlose Entlassung seiner damaligen Pagan-Ehefrau, nachdem der Kläger seine Kandidatur für den Posten des Gouverneurs von Minnesota angekündigt habe.

There are hundreds, of not thousands of unlawful and Civil/Human Rights violations committed by the U.S. upon civilians of the VN.

Die engstirnige Verweigerungshaltung der US-Regierung kann lt. Klageschrift schwerwiegende Folgen haben. Schon nach der Unabhängigkeitserklärung von 1776 sei ein Krieg ausgebrochen und die USA hätten Hilfe bei Alliierten gesucht. Dieses Recht wie auch das Recht, den Krieg zu erklären, behalte sich auch die Vampyre Nation in ihrer Unabhängigkeitserklärung vor. Wie die Gründungsväter der USA habe die VN das Recht, Hilfe und Unterstützung bei ihren Alliierten, Russland und Staaten, die die USA hassen, zu suchen, wenn die USA sich weigerten, die Unabhängigkeit anzuerkennen. Warnend fährt die Klageschrift fort:

The U.S. cannot categorize such a military action as an act of terrorism for history has shown many countries to include the U.S. had to win their independence through military strength.

Russia has a history of going after territories it wants. Hence, the VN has the international precedence by Russia (and other countries) to acquire land by purchase or military force.

Like Russia, Jonathon and the VN fully believe that amassing military strength or using violence helps restore self-respect and honour.

Vom Präsidentenwechsel erhofft der Kläger sich wenig:

Obama is of muslim faith;

Muslims are sworn enemies of Vampyres, Satanists, Witches and other Kins;

Muslims and Vampyrs have been at war with each other for centuries;

With the fact Obama being of the Muslim faith, neither Jonathan nor the VN expects any better protection for our people’s rights.

Der Kläger beantragt daher:

  1. Die USA erkennen die Unabhängigkeit der VN an.
  2. Die USA unterzeichnen eine Vereinbarung, in der sie sich verpflichten, sich nicht in die Angelegenheiten der Vampyre Nation einzumischen.
  3. Die USA unterstützen die Aufnahme der Vampyre Nation in die Vereinten Nationen und die NATO.
  4. Die USA geben der Vampyre Nation große Landteile im Bundesstaat Minnesota.
  5. Die USA stellen der Vampyre Nation eine große Geldsumme (mehrere 100 Millionen US-Dollar) zur Verfügung, wie es auch bei anderen Staaten geschehen ist.

Ich bin weder Völker- noch Verfassungsrechtler, aber mein Gefühl sagt mir, dass für diese Klage nach deutschen Recht keine Prozesskostenhilfe zu erlangen wäre.

Schutz der Privatsphäre v. Pressefreiheit im Vereinigten Königreich

Im März vergangenen Jahres wartete die britische Boulevardzeitung News of the World mit der Schlagzeile „F1 BOSS HAS SICK NAZI ORGY WITH 5 HOOKERS“ auf und zeigte Bilder aus einem BDSM-Sexvideo, das den Präsidenten der FIA, Max Mosley, bei sexuellen Aktivitäten mit mehreren Prostituierten zeigt, die angeblich Nazi- bzw. KZ-Uniformen trugen. Das Video kam auf Veranlassung der News of the World zustande, die eine der Prostituierten mit einer Kamera ausgestattet hatte. In einem sich anschließenden zivilrechtlichen Verfahren vor dem High Court of Justice wegen Verletzung der Privatsphäre kam Justice Edge zu folgendem Schluss:

I found that there was no evidence that the gathering on 28 March 2008 was intended to be an enactment of Nazi behaviour or adoption of any of its attitudes. Nor was it in fact. I see no genuine basis at all for the suggestion that the participants mocked the victims of the Holocaust.

There was bondage, beating and domination which seem to be typical of S and M behaviour. But there was no public interest or other justification for the clandestine recording, for the publication of the resulting information and still photographs, or for the placing of the video extracts on the News of the World website – all of this on a massive scale. Of course, I accept that such behaviour is viewed by some people with distaste and moral disapproval, but in the light of modern rights-based jurisprudence that does not provide any justification for the intrusion on the personal privacy of the Claimant.

Mosley wurde Schadensersatz in Höhe von £60.000 zugesprochen. In Deutschland, wo Teile der Presse in gewohnter Manier die Vorwürfe der News of the World ungeprüft übernommen hatten, sind ebenso wie in Frankreich noch Zivil- und Strafverfahren anhängig.

Der Fall wirft ein bezeichnendes Licht sowohl auf die deutsche wie die britische Presseszene. Indessen zeigen schon die Schlagzeile und die im Urteil näher geschilderten Einzelheiten der Berichterstattung in der News of the World die bekannten Unterschiede hinsichtlich der journalistischen Maßstäbe im Vereinigten Königreich und in Deutschland. Diese Unterschiede resultieren auch aus unterschiedlichen Vorstellungen hinsichtlich des Schutzes der Privatsphäre und ihrer Gewichtung im Hinblick auf die Pressefreiheit.

Die traditionell besonders stark ausgeprägte Pressefreiheit in Großbritannien und der eher schwach entwickelte Schutz der Privatsphäre stehen allerdings auf dem Prüfstand, denn Mosley hat vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte unter Berufung auf Art. 8 EMRK Klage gegen das Vereinigte Königreich erhoben. Die möglichen Auswirkungen einer stattgebenden Entscheidung des EGMR beleuchtet die neueste Ausgabe der auf BBC Radio 4 ausgestrahlten Serie Law in Action. Die sehr hörenswerte Folge ist auch als Podcast erhältlich (Direktlink, iTunes), freilich nur noch bis zum 23. Februar, denn die BBC stellt Podcasts nur für sieben Tage zur Verfügung. Zu Wort kommen Max Mosley selbst, der Journalist Ian Hislop und die auf Medienrecht spezialisierte Rechtsanwältin Amali de Silva. Einen kurzen Telefonbeitrag mit Blick auf die in Deutschland anhängigen Verfahren steuert der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Roger Mann bei.

Sind Rechtsanwälte schlechte Beziehungspartner?

Zum gesellschaftlichen, freilich ungeprüften Allgemeinwissen dürfte auch die Weisheit gehören, dass Juristen entweder mit Juristen oder mit Lehrern verheiratet oder anderweit verbandelt sind. Dafür mag so manches sprechen. So ist der Beliebtsheitsgrad von jungen Juristen bei Nichtjuristen vielleicht eingeschränkt (vgl. dazu ein Erlebnis aus den Annalen einen Langweilers) oder Studium, Referendariat und Berufsstart nehmen einen so in Anspruch, dass man keine Zeit hat, in anderen Fachrichtungen nach potentiellen Partnern Ausschau zu halten. Der Hang zur Besserwisserei sorgt für Kompatibilität mit Lehrern und gleich und gleich gesellt sich gern.

Oder liegt es vielleicht daran, dass Rechtsanwälte und -innen als schlechtere Ehemänner, Ehefrauen oder Lebenspartner gelten? Mängel in der Eheeignung hebt jedenfalls die Psychologin Dr. Fiona Travis in ihrem Blogbeitrag auf Lawyer Avenue hervor, freilich mit Blick auf US-Anwälte:

Marry a Lawer? Proceed With Caution

It’s not that lawyers lack relationship-building skills. But, overworked, overburdened and squeezed by time – and now, the worst downturn in two decades – lawyers do exhibit communication and intimacy breakdowns peculiar to their education, their professional training and work environment.

Und für Frauen sieht’s besonders schlecht aus:

According to an ABA study, a third of all women lawyers have never married as compared to eight percent of male lawyers, and nearly half of the women lawyers report being unmarried, compared to 15 percent of the men. Furthermore, compared to female physicians and college professors, women lawyers are less likely to be married, have children, remarry after divorce and are significantly more likely to become divorced.

Gründe dafür:

There is no one explanation, but when one combines the lawyer personality with the lessons learned in law school, the combination makes for great courtroom drama … but is also counter-productive in an intimate interaction with one’s spouse. The biggest obstacle is the so-called lawyer personality.

[O]n personality tests, most lawyers score high on the “thinking” scales and low on the “feeling” scales. And it’s not something that happens only after a lawyer passes the bar. It goes all the way back to law school, where one learns to argue, cross examine, stonewall, delay, outwit, and avoid showing weakness to opposing counsel.

Abhilfe:

– Listen with interest and without interruption. Don’t be a lawyer at home. Marriage should not be adversarial. It is not about “win at all cost” and “hardball ultimatums.”
– Become aware of your style of argumentation. You do not have to win at home. Take note if your critique of spouse and children comes across as if your belief is the only truth, and there is no other way to view the issue at hand.
– Make room for emotional support (especially if your spouse is a non-lawyer).

Deutsche und amerikanische Rechtsanwälte sind freilich nicht ohne weiteres vergleichbar. Insbesondere fehlt es trotz des kontradiktorischen Verfahrens im Zivilrecht am adversarial system des Common Law, das von den Rechtsanwälten eine Präsentation des Falles verlangt, die nicht nur einen Berufsrichter, sondern vor allem eine regelmäßig aus Nichtjuristen bestehende Jury überzeugen kann – und das nicht nur im Zivil-, sondern auch und besonders im Strafrecht. Die schon im Studium trainierten und der Eheeignung vielleicht entgegenstehenden Fähigkeiten eines US-Anwalts dürften daher bei deutschen Anwälten nicht ohne weiteres zu finden sein. Freilich – die eigene Position bzw. die des Mandanten vor Gericht zu vertreten, geschliffen und durchdacht zu argumentieren, Schwächen der Gegenseite erkennen und aufdecken – dies alles sind Fähigkeiten, die auch den deutschen Juristen auszeichnen.

Für Fiona Travis jedenfalls war das Thema interessant genug, gleich ein ganzes Buch darüber zu verfassen: Should You Marry a Lawyer: A Couple’s Guide to Balancing Work, Love & Ambition. Der deutsche Buchmarkt hat wohl noch nichts vergleichbares zu bieten. Vielleicht, weil Juristen mit Juristen oder Lehrern verheiratet sind?

Utopie in einer Law Review

Durch Zufall bin ich auf einen Essay in der University of Miami Law Review mit dem verheißungsvollen Titel

Stop! Are You Sure You Want To Throw Grandpa’s Body Away?

von Thomas A. Robinson, Professor der University of Miami School of Law, gestoßen (63 U. Miami L. Rev. 37 [2008]). Meine Hoffnung, hiermit etwas Interessantes für einen geschätzten Kollegen gefunden zu haben, der über „Grab- und Leichenfrevel als strafwürdige Missetat“ promoviert hat, wurde indessen nur zum Teil erfüllt. Der Umgang mit Verstorbenen ist zwar durchaus Gegenstand des Beitrags; insgesamt aber handelt es sich mehr um einen Utopie oder jedenfalls einen gewagten Blick in die Zukunft. Im Zentrum steht die These, dass die sterblichen Überreste eines Menschen wertvolle Informationen beinhalten:

My central claim is that properly preserved human remains might yield valuable information, for ourselves and our posterity.

Hier freilich beginnt schon die Utopie. Zwar kennen wir die Konservierung von Leichen etwa bei den Ägyptern oder in moderner Zeit in der UdSSR (Lenin) oder des Gehirns wie im Falle Einsteins. Auch ist es heute möglich, sich selbst in Gänze oder in Teilen nach seinem Ableben einfrieren zu lassen (Kryonik), was wegen des Friedhofszwangs in Deutschland allerdings eine Überführung in liberalere Gegenden, vorzugsweise die USA, verlangt. Ob aber die heute verwendeten Methoden zur Konservierung überhaupt geeignet sind, menschliche Überreste so haltbar zu machen, dass sie womöglich ferner Zukunft wiederbelebt oder anderweitig genutzt werden können, steht auf einem anderen Blatt. Zum Ausgangspunkt nimmt Robinson daher eine Hypothese:

Since we are in the realm of speculation, and for purposes of discussion, I wish to use a specific, although hypothetical, example. I hypothesize human remains instantly flash frozen to near absolute zero in such a way that no damage occurs …

Damit ist der Weg frei für Spekulationen, zunächst über den Wert einer Konservierung für die Gesellschaft sowie den Einzelnen. Natürlich fällt der Blick zunächst auf die DNA. Welche Bedeutung ihr in Zukunft beikommt, steht  noch in den Sternen und ist von der Entwicklung der Biotechnologie abhängig. Robinson weist auf den gesellschaftlichen Nutzen hin, der durch das Klonen historischer Persönlichkeiten gewonnen werden könne, ferner auf die Verwendung der DNA als Rohmaterial zur künstlichen Verbesserung des menschlichen Genoms. Eine riesige DNA-Datenbank böte der medizinischen Forschung neue Möglichkeiten. Aber warum nicht weiter spekulieren? Vielleicht können, so Robinson,  auch das individuelle Wissen, Erfahrungen und Fähigkeiten eines Menschen konserviert und später genutzt werden.

What could Otzi the Iceman tell us about third millennium BC language, know-how, life, and culture?

Und was nützt die Konservierung dem Individuum? Zuvörderst natürlich: Weiterleben! Vielleicht können Gehirne in Zukunft transplantiert werden – in andere menschliche Körper oder auch in mechanische. Oder zukünftige Mediziner sind in der Lage, heute noch nicht behebbare Gehirndefekte zu beseitigen oder durch nicht-biologische Techniken zu ersetzen.

Diese und weitere dargelegte Zukunftsszenarien werfen natürlich eine ganze Reihe von Fragen und Problemen auf. Gibt es den Tod noch, wenn eine „Wiederauferstehung“ im Wege des Klonens möglich ist? Ist es richtig, dass mit dem Ableben das gesamte Vermögen auf die Erben übergeht, wenn in 100 oder 1000 Jahren eine Wiederbelebung des tiefgefrorenen Körpers möglich ist? Wie sind die eingefrorenen sterblichen Überreste rechtlich zu bewerten? Als Menschen oder nur als Sachen, oder etwas dazwischen (Robinson spricht von den „individuals -as-information“). Welchen Status haben wiederbelebte oder geklonte Personen? Sie sie immer noch verheiratet, gehört ihnen noch ihr beim Tod vorhandenes Vermögen? Welche rechtlichen Möglichkeiten hat der jetzt noch lebende Mensch, für sein Auskommen in der Zukunft als Klon seiner selbst zu sorgen? Diese und weitere Fragen werden angerissen, können aber verständlicherweise nicht beantwortet werden: Schließlich ist dies alles noch Spekulation und wer vermag schon vorhersagen, wie zukünftige Generationen die rechtlichen Rahmenbedingungen gestalten werden?

Dies wird auch wesentlich von den ökonomischen Auswirkungen abhängen, denen Robinson in seinem Essay einigen Raum widmet.  Für den Einzelnen bringt die Konservierung Kosten mit sich, die in ihrer Höhe nur zum Teil vorhersehbar sind, weil jetzt noch unklar ist, wie lange der Körper eingefroren bleiben muss. Die Rekonstruktion wird ebenfalls Kosten verursachen; zudem muss hierzu erst einmal die entsprechende biotechnische Entwicklung finanziert werden. Zumindest letzteres wird nur die Gesellschaft übernehmen können. Für den Einzelnen hingegen kommt es darauf an, wieviel er bereit ist, in ein Überleben in der Zukunft zu investieren. Die Gesellschaft hat nicht nur die Kosten für die Entwicklung der Biotechnologie zu tragen. Wenn die eingefrorenen Körper oder Körperteile Rechtsschutz genießen, muss die Gesellschaft letztlich Treuhänder bereitstellen, auch im Hinblick auf jene Teile des Vermögens, die mit dem Ableben nicht an die Erben fallen.

Zu den ökonomischen Problemen gehört auch, dass das Wiederbeleben  oder Klonen von Menschen nicht unbedingt ein Mittel ist, der drohenden Überbevölkerung entgegenzuwirken.

This, then, is the strongest argument against the flash-frozen hypothetical, the overcrowded planet.

[T]he individual-as-information has no political voice, and commands resources only at the sufferance of society’s living. Recreation of stored individuals-as-information does offer some limited social benefits, but crushingly outweighed by costs, included those implied by the crowded earth argument.

Doch Robinson meint, hierfür nicht nur eine, sondern gleich zwei Lösungen gefunden zu haben. Zunächst müsse in Betracht gezogen werden, dass es in Zukunft möglich sein könnte, zwei Menschen in einem einzigen Körper zu vereinen:

[I]t might be possible to combine two minds previously supported by two human bodies into one, to the detriment of neither and the advantage of both. I might wake up remembering two childhoods and with two sets of parents. Moreover, I might remember these childhoods in different eras, say one in the 1960s and another in the 2050s. Philosophers can work out the implications.

Eine zweite Lösung könne sich ferner zukünftig aus der Biotechnologie ergeben, wenn diese in der Lage sei,  virtuelle Welten als Alternative zur einen realen Welt zur Verfügung zu stellen:

Why couldn’t a reconstructed individual have access to both worlds, as a video gamer in a sense already does? Presumably one benefit of this manoeuver into blended reality is cost, that is, existence in a virtual world would be cheaper than in the „real“ world, helping solve the crowded Earth problem. At the risk of exhausting the reader’s credulity, I note that these two techniques are not inconsistent and could be combined.

Nun bleibt es jedem selbst überlassen, zu entscheiden, wie attraktiv das Leben mit zwei Bewusstsein in einer Mischung aus realen und virtuellen Welten ist. Immerhin stören die Menschen in der Matrix sich erst dann an ihrem Leben in einer virtuellen Welt, als sie dieses erkennen. Natürlich werfen solche Aussichten ethische und theologische Fragen auf, die sowohl von der Gesellschaft als auch von jedem Einzelnen beantwortet werden müssen. Letztlich wird für das Individuum wohl wesentlich entscheidend sein, wie sehr es am Leben hängt. Der Autor des Essays tut dies ganz unverkennbar. Eins steht jedoch fest: Die technische Entwicklung wird nicht stillstehen und zumindest manches von dem, was heute noch Spekulation ist, wird irgendwann einmal Realität sein. Juristen werden jedenfalls, so scheint es, auch in Zukunft gebraucht.



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